SACROILIITIS
Entzündung im
Iliosacralgelenk
Der Begriff Sacroiliitis wird häufiger auch mit k geschrieben (Sakroi liitis).
Das Iliosacralgelenk (Articulatio sacroiliaca) befindet sich zwischen Kreuzbe in und Hüftbe in. Es besitzt flache, unebene Gelenkflächen mit sehr geringer Beweglichkeit, fixiert durch kräftige Haltebänder (Ligamenta sacroiliaca), die eine gelenkähnliche Verbindung zwischen dem Kreuzbei n und den Beckenknochen gewährleisteten. Eine Entzündung in diesem Bereich wird als Sacroiliitis bezeichnet.
Eine Sacroiliitis kann isoliert als alleinige Erkrankung auftreten, häufiger aber auch im Rahmen einer rheumatisch-entzündlichen Krankheit (z.B. Bechterew Krankheit) oder auch bei der entzündlichen Erkrankung Morbus Crohn.
Die betroffenen Patienten klagen besonders bei Rumpfbeugung, verbunden mit Rotation (= Drehung), über Schmerzen im lumbosakralen Übergangsbereich (= Übergang von der unteren Lendenwir belsäule zum Kreuzb ein), aber auch typischerweise über Schmerzen im Bereich der Spina iliaca posterior superior (= hinterer oberer Darmbeinstachel) mit evtl. unspezifischen Ausstrahlungen in die Bei ne (Gesä ß, hinterer und seitlicher Oberschen kel bis zur Wa de und evtl. Fe rse).
Differentialdiagnostisch (= außer Sacroiliitis in Frage kommende Erkrankungen betreffend) ist an ein LW S-Syndrom bzw. an eine Lumbalg ie zu denken.
Untersuchung bei Sacroiliitis:
Bei einer Sacroiliitis ist das sog.
Menell`sche Zeichen positiv: Durch Festhalten des Kreuzbeins mit der
Handfläche und Überstreckung des Beines wird das Becken gegenüber dem Kreuzbein
im
Iliosacralgelenk bewegt. Das
Zeichen ist positiv, wenn die Bewegung im
Iliosacralgelenk schmerzhaft ist.
(Zeichnung und Beschreibung aus
www.bechterew.com/untersuchung.htm)
Schmerzbehandlung bei einer Entzündung im Iliosacralgelenk (Sacroiliitis):
Grundsätzlich gilt, daß durch eine geeignete Diagnostik (= Maßnahmen zur Erkennung von Krankheiten)
versucht werden muß, eine für die geklagten Schmerzen ursächliche, spezifische
Erkrankung zu entdecken. Gelingt dies, so muß diese zunächst kausal
(= entsprechend dem Krankheitsbild)
behandelt werden.
Verbleiben nach oder trotz einer
krankheitsspezifischen Behandlung dennoch chronische Schmerzen im Iliosacralgelenk, so eignen sich zur
Behandlung folgende Maßnahmen, wobei ein Dauerschmerz praktisch immer eine
Kombination von verschiedenen Therapieverfahren erfordert.
Medikamentöse Schmerztherapie bei Sacroiliitis:
Akut und subakut können
zunächst (vorwiegend) peripher wirkende
Analgetika
(= Schmerzmittel, die am Ort der Schmerzentstehung wirken)
eingesetzt werden, insbesondere sog. nicht steroidale Antirheumatika (=
Rheumamittel),
aus dieser Gruppe möglichst langwirkende und magenschonende wie z.B.
Mobec®.
Besonders magenschonend und auch entzündung
shemmend sind die sog. COX-2
Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®)
oder Etoricoxib (Arcoxia®),
allerdings scheint diese Stoffgruppe mit einem Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden
zu sein, zumindest bei längerer Therapiedauer. Bei stärkeren
schmerzhaften Muskelverspannungen können darüber hinaus auch Muskelrelaxanzien
(= Mittel zur Muskelentspannung) (z.B.
Norflex®, Mydocalm®) verordnet werden.
Manchmal sind aber die Schmerzzustände
nur mit zentralwirkenden Analgetika (z.B. Tramadol, Valoron N®) (= im Gehirn bzw. Rückenmark wirkende
Schmerzmittel) beherrschbar.
Grundsätzlich sollte aber auch bei Sacroiliitis eine längerfristige Schmerzmittelverordnung wegen der
Gefahr der Gewöhnung oder gar Abhängigkeit
vermieden werden.
Die Kombination mit
schmerzdistanzierenden Antidepressiva
(= Mittel gegen Depression, aber auch bei
Sacroiliitis
hilfreich) (z.B.
Doxepin, Maprotilin) hilft in vielen Fällen Schmerzmittel einzusparen.
Therapeutische
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen
Betäubungsmittel)
bei Sacroiliitis:
Bei anhaltenden Schmerzen sollten rechtzeitig alternative Methoden eingesetzt
werden. Eine sehr wirksame Alternative, ohne jedes Gewöhnungs- oder
Suchtpotential, ist die therapeutische Lokalanästhesie mit einem langwirkenden
örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain) in Form von örtlichen
Betäubungen und Nervenblockaden.
Die einfachste diesbezügliche Therapie besteht
in der lokalen Infiltration der Iliosacralgelenk
e und der meist verspannten
Mus kulatur im
Bereich der unteren Lendenwi rbelsäule. Je nach segmentaler Ausdehnung reichen
ca. 5-10 ml Bupivacain 0,25% bis 0,5% völlig aus.
In hartnäckigen Fällen kann
dicht an das betroffene Iliosacralgelenk ein dünner Katheter
(= Kunststoffschlauch) eingepflanzt
werden, über den das Lokalanästhetikum mehrmals täglich schmerzfrei eingespritzt
werden kann.
Bei weiterhin verbleibenden heftigen Schmerzen kommt als nächst
höhere Therapiestufe die lumbale Periduralblockade
(= rückenmarknahe Betäubung im Lendenbereich),
insbesondere kontinuierlich mit Katheter* in Frage. Diese Betäubungsform
ist eine sehr effektive Therapiemaßnahme, die allerdings nur unter stationären
Bedingungen durchgeführt werden sollte. Bei technischer Beherrschung, adäquater
Lokalanästhetika-Dosierung und Beachtung der hygienischen Belange kann das
Risiko bei der Anzeige "Rückenschmerzen" bzw. bei einem schmerzhaften
Iliosacralgelenk
als
vertretbar eingestuft werden.
Wenn eine Periduralblockade technisch schwer oder nicht durchführbar ist (z.B. bei Mißbildungen, Zustand nach operativer Wirbelsäulenversteifung usw.), bietet sich die sog. Kaudalanästhesie (= rückenmarknahe Betäubung durch einen Kanal im Kreuzb ein hindurch) an, die auch mit Katheter* möglich ist, sofern dieser wegen der der Gefahr einer Entzündung seitlich unter der Haut mittels einer Untertunnelung weggeführt wird. Erhöht man die Menge des örtlichen Betäubungsmittels (z.B. 20-25ml Bupivacain 0,1 bis 0,15 %) kann auch der Kreuzbei n- / Lendenbereich erreicht werden.
Statt
mit einem örtlichen Betäubungsmittel können die aufgeführten, rückenmarknahen
Blockaden auch mit einer verdünnten Morphin-Lösung durchgeführt werden,
allerdings ist dabei die oft zu beobachtende, über die Behandlungszeit hinaus
anhaltende Wirkung deutlich weniger ausgeprägt, auch fällt der
antientzündliche Effekt weg.
Die beschriebenen
Behandlungen mit einem örtlichen Betäubungsmittel haben nämlich den großen Vorteil,
daß es dabei, sozusagen als Nebeneffekt, zu einer erheblichen Sympathikolyse
und damit zu einer deutlichen Durchblutungssteigerung kommt, die jeder entzündlichen
Schmerzursache (Sacroiliitis
!) kausal (= auf die Ursache gerichtet)
entgegenwirkt.
Unter einer guten Durchblutung heilt jede Entzündung sicher ab, eine jahrhundertealte medizinische Weisheit.
* Bei der sog. kontinuierlichen Blockade mit Katheter wird der dünne Kunststoffschlauch dicht an Nervengeflechte bzw. den betroffenen Ner ven eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht „aufgeschnitten“ werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. Das örtliche Betäubungsmittel wird bei dieser Behandlung so dosiert, dass die grobe Kraft erhalten bleibt (bei gleichzeitiger Hemmung der Schmerzreizleitung), damit begleitend krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich bleiben.
Physikalische Therapie bei einem Schmerz im
Iliosacralgelenk (z.B.
Sacroiliitis):
Auch eine Elektrostimulation kann beim schmerzhaften Iliosacralgelenk eine Beschwerdelinderung herbeiführen. Die transkutane
Nervenstimulation mit Niederfrequenzgenerator über Klebeelektroden (TENS)
hat den Vorteil, daß sich die Patienten bei Bedarf selbst behandeln können. Die
Elektroden werden im Schmerzbereich aufgeklebt. Durch Veränderung der
Stimulationsfrequenz und der Elektrodengröße kann die Wirkung optimiert werden.
Wir verordnen TENS grundsätzlich nur leihweise für 6 Monate, da erfahrungsgemäß
die Wirkung nach längerer Anwendung nachläßt.
Eine weitere physikalische
Behandlungsmöglichkeit ist bei Sacroiliitis
die oberflächliche Kältetherapie im
Schmerzbereich. Wir verwenden einen elektrischen Kaltluftgenerator, dessen
Luftstrom auf ca. -10 bis -15 Grad C abgekühlt ist.
Die Verordnung von gewöhnlichen Massagen ist auch bei einer chronischen
Sacroiliitis mit Beteiligung der unteren
Wirbelsäulenmuskulatur
nicht sinnvoll. Für den Patient
mag diese Behandlung zwar angenehm sein, aber unter schmerztherapeutischem
Aspekt bringt sie nichts und führt nur zu unnötigen Kosten.
Nahezu unverzichtbar ist aber die
heilgymnastische Therapie um Dysbalancen der beteiligten
Mus kulatur
nachhaltig auszugleichen.
Andere Therapiemaßnahmen bei einem schmerzhaften Iliosacralgelenk
(Sacroiliitis):
Der Vollständigkeit halber darf die
Akupunktur zur Behandlung chronischer Schmerzen nicht unerwähnt bleiben.
Auch eine Magnetfeldtherapie
kann hilfreich sein.
Wichtig
sind individuelle Instruktionen zur richtigen Haltung und Vermeidung von
übermäßigen Organbelastungen (funktionelle Ergotherapie). Darüber hinaus ist
anzustreben, daß die betroffenen Patienten Übungen zur Lockerung der Mus kulatur
erlernen um diese dann zu Hause in eigener Regie durchführen zu können.
Hypnoide
(= bewußtseinsverändernde)
Verfahren wie autogenes Training oder
progressive Relaxation nach Jakobson sind bei einer chronischen Sacroiliitis
eine sinnvolle Ergänzung der
Gesamtstrategie.
Bei längerfristig bestehenden chronischen Schmerzen, auch aufgrund einer Sacroiliitis, ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.
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